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Chanukka 2022

O, ir kleine lichtelach / ir dertzeilt geshichtelach / maiselach on tzol. / Ir dertzeilt fun blutikait / beryeshaft un mutikait / vunder fun amol!

Für das Fest Chanukka hat das Licht eine besondere Bedeutung.

Pro Festtag wird eine der Kerzen auf dem traditionellen Leuchter zu Chanukka entzündet. (Nagamani.J, in: Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0)

Was hier auf den ersten Blick wie ein Haufen Tippfehler oder eine massive Lese-Rechtschreibstörung aussieht, ist die erste Strophe eines Liedes in einer Sprache, die vielen von uns vielleicht unbekannt ist, aber die wir mit ein wenig Mühe entschlüsseln können. Nämlich das Jiddische. Jiddisch wurde Anfang des 20. Jahrhunderts noch von elf Millionen Personen v.a. in Osteuropa und in den USA gesprochen – und zwar fast ausschließlich von Jüdinnen und Juden. Heute sind es noch ca. 1 Million Personen weltweit.

Nach der Eroberung und der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels unter dem späteren römischen Kaiser Titus im Jahr 80 n. Chr., lebten und leben die meisten Jüdinnen und Juden in der Diaspora – also außerhalb ihrer traditionellen Heimstätte. Daher bildete sich im Südwesten Deutschlands ab dem 9. Jahrhundert das Jiddische als eine Mischsprache v.a. aus Deutsch, Hebräisch und slawischen Sprachen heraus. Dadurch lässt sich das Lied wie folgt recht einfach für uns entschlüsseln:

 
Jiddisch Deutsch
1. O, ir kleine lichtelach
ir dertzeilt geshichtelach
maiselach on tzol.
Ir dertzeilt fun blutikait
beryeshaft un mutikait
vunder fun amol!
1. Oh, ihr kleinen Kerzen
Ihr erzählt Geschichten
Erzählungen ohne Ende.
Ihr erzählt von blutigen Taten
Von Tapferkeit und Mut
Von Wundern vor langer Zeit.
2. Ven ich ze aich shminklendik
kumt a cholem finklendik
ret an alter troim
Yid, do host gekrigt amol
Yid, do host gezigt amol
Got, dos gloibt zich koim!
2. Wenn ich euch hell funkeln seh‘
Steigt ein glänzender Traum auf
Der alte Traum spricht:
„Jude, du hast einst Krieg geführt
Jude, du hast einst gesiegt
Gott, das ist so schwer zu glauben!
3. O, ir kleine lichtelach
ayere geshichtelach
vekn oif main pain
Tif in hartz bavegt es zich
un mit trern fregt es zich
vos vet itzter zain?
3. Oh, ihr kleinen Kerzen
eure Erzählungen
weckt meine Pein
Tief in meinem Herzen bewegt sich etwas
und mit Tränen fragt es sich:
„Was werde ich jetzt sein?“

 

 

Die Bedeutung des jüdischen Lichterfests Chanukka

Dieser Text stammt von Morris Rosenfeld, einem US-amerikanischen Lyriker jüdischer Abstammung. Dieses Lied wird traditionell im Kreis der Familie am Sabbat oder an Chanukka gesungen. Chanukka ist das jüdische Lichterfest. Das Festes geht zurück auf das Ölwunder, das sich ereignet haben soll, als die Jüdinnen und Juden nach dem Ende der griechischen Herrschaft den Jerusalemer Tempel neu einweihen wollten (Chanukka = wörtlich „Einweihung“). Das in dem Tempel noch vorhandene Öl hätte für die Öllampen nur für einen Tag gereicht – doch auf wundersame Weise hätten die Lampen acht Tage gebrannt. Deshalb werden zu Chanukka traditionell besonders ölhaltige Speisen gereicht wie Sufganijot (ähnlich unseren Krapfen) und Latkes (ähnlich unseren Kartoffelpuffern). Außerdem wird jeden Tag eine neue Kerze des Chanukkaleuchters entzündet.

Für das Fest Chanukka hat das Licht eine besondere Bedeutung.

Darstellung eines Chanukkafestes aus dem 18. Jahrhunderts. Hier stehen die Kerzen noch nebeneinander, statt in dem traditionellen Leuchter.

 

Der Dreidel und Chanukka

Da Chanukka auch als Familienfest gilt, spielt man im Kreis der Familie Spiele, bei denen die Kinder kleine Preise gewinnen können. Davon ist sicherlich das Spiel mit dem Dreidel, einem Kreisel, das bekannteste. Wie das Spiel mit dem Dreidel funktioniert, testete die Klasse K1b am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien. Dazu setzten sie sich mit je einem Dreidel und ein paar Schokotalern in Kleingruppen. Der Dreidel wird reihum von den Spieler*innen gedreht. Dessen Seiten sind mit vier hebräischen Buchstaben beschriftet, die auf folgenden Satz zurückgehen:

  • נס גדול היה שם: Nes gadol haja scham. / Ein großes Wunder geschah dort.

Alternativ existiert auch die Variante:

  • נס גדול היה פה: Nes gadol haja po. / Ein großes Wunder geschah hier.

Bei dem großen Wunder handelt es sich natürlich um das Ölwunder. Dreidel, die in Israel hergestellt werden, greifen normalerweise auf die Variante mit Wort „hier“ zurück, da der Jerusalemer Tempel ja hier stand. Im Gegensatz dazu greifen außerhalb Israels produzierte Dreidel auf die Variante mit dem Wort „dort“ zurück.

Drei Dreidel, auf dem die verschiedenen hebräischen Buchstaben zu sehen sind.

Drei Dreidel, auf dem die verschiedenen hebräischen Buchstaben zu sehen sind.

Die Anfangsbuchstaben der beiden Sätze (hier fett gedruckt) sind auf den vier Seiten des Dreidels dargestellt. Je nachdem, auf welche der vier beschrifteten Seiten er fällt, müssen die Spieler*innen Schokomünzen in die gemeinsame Kasse einzahlen oder dürfen sie entnehmen. Hier die Regeln:

  • נ: hebräischer Buchstabe Nun (wie im jiddischen Wort „nishts“): Man gewinnt nicht, verliert aber auch nichts.
  • ג: hebräischer Buchstabe Gimel (wie im jiddischen Wort „gants“): Man gewinnt den gesamten Kasseninhalt, danach muss jede/r Spieler*in wieder ein Stück in die Kasse legen.
  • ה: hebräischer Buchstabe He (wie im jiddischen Wort „halb“): Man gewinnt die Hälfte der Kasse (aufgerundet).
  • ש oder פ: hebräischer Buchstabe Schin oder Pe (wie im jiddischen Wort „shtel ayn“): Man muss ein Stück in die Kasse legen. Wer nichts mehr in die Kasse legen kann, scheidet aus.

Bei dem Spiel der Schüler*innen der K1b um die Schokoladentaler ging es hoch her, wie die Bilder zeigen:

 

Städtisches Münchenkolleg: Deutsch: Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing

Judentum in der Deutschlektüre

Anlass für diese Veranstaltung am 23. Dezember war nicht nur, dass dieser Tag mit dem sechsten Tag von Chanukka zusammenfiel, sondern auch, dass die Klasse zu diesem Zeitpunkt gerade das Stück Die Juden (1749) von Gotthold Ephraim Lessing im Deutschunterricht las. Für Lessing war die religiöse Toleranz ein zentrales Anliegen seines aufklärerischen Denkens. Er hielt sein ganzes Leben lang Kontakt zu Juden, wie z.B. Moses Mendelssohn. Diese Juden waren oft Vertreter der sogenannten Haskala, der jüdischen Aufklärungsbewegung, die u.a. die Säkularisation des Judentums und die Emanzipation der Jüdinnen und Juden zum Ziel hatte.

In dem Stück Die Juden, das Lessing mit gerade einmal zwanzig Jahren während seines Studiums schrieb, zeigt sich Lessings aufklärerisches Gedankengut, das er in Nathan der Weise gegen Ende seines Lebens wiederaufgriff. In Die Juden verbreitet ein Dieb, dessen Überfall auf seinen Herren durch das Eingreifen eines Reisenden schiefgegangen ist, das Gerücht, Juden würden hinter dem Überfall stecken. Wie nicht anders zu erwarten, kommt der Dieb mit dieser Lüge nicht durch. Doch am Ende des Stücks wird ein weiteres Geheimnis gelüftet …

 

Die Schokotaler zeigen u.a. dem Chanukka-Leuchter.

Einer der verwendeten Dreidel und mehrere Schokotaler, um die gespielt wurde.

Der Überraschungsgast

Teil der Veranstaltung kurz vor Ferienbeginn war auch das Gespräch mit einem Gast. Frau Wanninger hatte die Identität dieser Person nicht zuvor verraten und nur angedeutet, dass diese Person allen Schüler*innen bekannt sei. Daher vermuteten einige Schüler*innen gar, dass die eingeladene Person gar jemand Prominentes sein könne.

Tatsächlich erkannten alle Schüler*innen den Gast wieder, sobald die Tür sich öffnete, denn die eingeladene Person war Frau Cianciaruli aus dem Sekretariat des Münchenkollegs. Frau Wanninger hatte sie deshalb eingeladen, weil Frau Cianciaruli aus einer jüdischen Familie stammt und so von ihren Kindheitserinnerungen von Chanukkafesten berichten kann. Eben dies tat Frau Cianciaruli dann und erzählte der Klasse auch von ihrer Familiengeschichte. Dazu gehörten ebenfalls die Erfahrungen ihrer Familie während des Holocausts / der Shoah. Aber nicht nur hier, sondern auch in ihren Erzählungen, welche Rolle ihre jüdische Abstammung für sie heute habe, zeigte sich, dass Frau Cianciarulis Beziehung zu ihrer Abstammung geradezu typisch ist für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland heute.

 

Fazit

Insgesamt war die Veranstaltung für die Schüler*innen der K1b mit dem Dreidel-Spiel nicht nur ein unterhaltsamer Ausklang vor den Weihnachtsferien, sondern auch eine Veranstaltung, die voll im Zeichen der religiösen Toleranz stand. Denn wie sagt schon die Figur des Reisenden in Lessings Die Juden:

„ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker […]. Ich sollte glauben, dass es unter allen Nationen gute und böse Seelen geben könne […].“

N. Wanninger